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Rirkrit Tiravanijas LESS OIL MORE COURAGE wurde als Wandarbeit in der Rotunde des Fridericianums präsentiert.

“Vor ein paar Jahren erhielt ich per Post eine Einladungskarte von einer New Yorker Galerie (Matthew Marks) – eine Einladung zur Ausstellung eines jungen Malers namens Peter Cain. Cain war für seine anamorphotisch zusammengesetzten, kühl-distanzierten Autobilder bekannt, deren Ölfarben er dick mit dem Pinsel auf die Leinwand brachte. Sie waren das Markenzeichen eines (geradezu eindringlich) realistischen Künstlers, der von einer surrealen Welt erzählte, einer Welt der Oberflächen, von Oberflächen metallisch glänzenden Auto-Einbrennlacks. Einerseits faszinierten ihn Autos; andererseits dämmerte im Schatten seiner Autos jedoch schon die anamorphotische Welt bio-technischer Mutationen herauf – eine Welt, in der das Schaf Dolly geklont wurde und Adobes Photoshop-Software darauf wartete, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden und ein Panorama von Fotodarstellungsmöglichkeiten zu eröffnen, das unsere Vorstellungskraft sprengen sollte. Doch Cains Leben endete vorzeitig; er wurde nur 37 und die Ausstellung, zu der ich eingeladen war, fand fünf Jahre nach seinem Tod statt.

Die Vorderseite der Einladungskarte war eine Reproduktion einer Seite aus Cains Notizheft mit den Worten "More courage less oil" - mehr Mut, weniger Öl. Aus dem Kontext geht klar hervor, dass Cain diese Worte über das Dilemma des Malerdaseins und die moralischen Entscheidungen, mit denen man beim Malen eines Bildes konfrontiert ist, an sich selbst gerichtet hatte. Die Karte hängt schon seit Jahren bei mir an der Wand, weil ich diesen Gedanken für sehr fruchtbar halte, und zwar nicht nur für Maler, sondern vielleicht für Künstler insgesamt.

Im heutigen Kontext stehen wir einem völlig anderen Dilemma gegenüber. Die Frage des Muts und das Nachdenken über unsere aktuelle Situation ergeben sich interessanterweise aus der Inversion von Peter Cains wegweisendem Motto.

LESS OIL MORE COURAGE ist ein Appell, uns unsere eigenen Wünsche im Entstehungsprozess bewusst zu machen, uns mit ihnen zu konfrontieren und sie zu hinterfragen, während wir sie zu realisieren suchen. Wie können wir uns als Gesellschaft und als Community mutig unsere eigene Schwäche eingestehen und in unserem Bewusstsein Raum dafür schaffen, den Kurs und Weg zu korrigieren, auf dem wir unterwegs waren? Wir werden den Weg bis an unser moralisches Ziel zu Ende gehen, doch vielleicht bringt uns unterwegs ein kleiner Abstecher abseits des gesteckten Kurses weiter darin, den Fakten ins Auge zu sehen und uns zur Veränderung inspirieren zu lassen.”

Rirkrit Tiravanija
Chiang Mai, Thailand 2007

* 17. Januar bis 15. März und 4. April bis 21. Juni 2009