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Mit der Ausstellung Deutsche Grammatik entwirft Christoph Büchel eine komplexe Struktur, die sich auf die gesamte Ausstellungsfläche der Kunsthalle Fridericianum erstreckt und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion bis aufs äußerste strapaziert. Das umfassende Projekt thematisiert ebenso die jüngere deutsche Geschichte wie auch aktuelle politische und gesellschaftliche Strukturen. 

Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf das gleichnamige Werk von Jacob Grimm, der 1818 als Bibliothekar im Kasseler Fridericianum den ersten Band seiner Deutschen Grammatik veröffentlichte. Als ältestes öffentliches Museumsgebäude des europäischen Festlandes steht das Fridericianum einerseits für den Beginn einer aufgeklärten Auffassung von Kultur und Bildung. Gleichzeitig versinnbildlicht das Haus als Repräsentativbau Landgraf Friedrichs II. auch einen imperialen Machtanspruch, der sich gerade hier nicht nur auf Staatspolitik, sondern auch auf Kulturhoheit bezieht. Büchel nutzt das historische Geflecht, inmitten dessen sich das Fridericianum bis heute entwickelt hat, um einen Bogen zu spannen, der von der Zeit der Aufklärung über die Geschichte des 20. Jahrhunderts bis in unsere heutige Zeit reicht.

Für seine Inszenierung nutzt Christoph Büchel alle Räumlichkeiten der Kunsthalle und zusätzlich einen großen Teil des Friedrichsplatzes vor dem Museumsgebäude. Die Aufteilung der räumlichen Ebenen in klar abgegrenzte Sektionen entspricht der inhaltlichen Segmentierung in vier große Bereiche, die jeweils Teilaspekte deutscher Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart reflektieren. Als narrative Basis für diese große Fiktion konstruiert Büchel eine Art Rahmenhandlung, innerhalb der er die Ausstellung so platziert, dass sie als solche fast verschwindet. Ohne Hinweis auf eine Kunstausstellung lässt Büchel das Fridericianum mit einem Bauzaun umstellen und suggeriert, dass das Fridericianum sich im Umbau zu einer Außenstelle der Agentur für Arbeit und dem Sozialamt der Stadt Kassel befinde. Eine große Bautafel vor dem Haus machte dies unmissverständlich klar und Bretterverschläge vor allen Fenstern im Erdgeschoss verstärken diese fiktionale Realität. 

Im Sinne einer daraus resultierenden Zwischennutzung wurde die Eingangshalle der Kunsthalle Fridericianum zu einem real funktionierenden 1-Euro-Laden umfunktioniert, an dem für die Besucherinnen und Besucher kein Weg vorbeiführt. Den Eindruck eines Einkaufszentrums ähnlich jener, die sich im unmittelbaren Umfeld des Fridericianums befinden, verstärken darüber hinaus eine echte Spielothek, ein zwölf Meter hoher Weihnachtsbaum, ein Sonnenstudio und ein Fitnesscenter. Des Weiteren sorgen große Werbebanner bekannter Firmen und eine Werbefläche für Tourismus und Naherholung in den neuen Bundesländern für eine karikierende Skizze des Themenfelds Konsumkultur, Werbung und Marketing durch reine Mimesis. Einen ersten einschlägigen Hinweis auf die Fiktionalität der Inszenierung gibt der zweite Bereich der Ausstellung. Zwar wird an dieser Stelle eine reale Begebenheit nachgestellt, jedoch keine gegenwärtig und ortsspezifisch plausible Realität imitiert. Auf einer Kegelbahn, samt echt wirkendem Restaurantambiente und Festsaal, sind unzählige Papierschnipsel verteilt, die aus zerstörten Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik stammen. Während sich am Rande der Kegelbahn noch säckeweise zerrissenes Aktenmaterial befindet, hängen an einer Wand bereits wieder zusammengefügte Papiere, die – so scheint es – an Tischen in der Mitte des Raumes sortiert werden. Büchel re-inszeniert hier die Ereignisse von 1989/90, als DDR-Bürgerrechtler tausende Säcke mit Stasi-Aktenschnipseln vor der endgültigen Vernichtung retten konnten und versuchten, die von Stasi-Offizieren teils per Hand zerrissenen Papiere wieder zusammenzusetzen. Mangels geeigneteren Platzes fand die aufwendige Aktion in der ehemaligen Kegelbahn der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig statt. Büchel rückt damit die jüngste deutsche Geschichte und deren Aufarbeitung in den Fokus. 

Ein dritter Teilbereich der Ausstellung zeichnet das Bild eines verlassenen Museums: die Ausstellungsräume leer, dem Augenschein nach geplündert, und das Restinventar gewaltsam zerstört. Einzig die dazugehörige, komplett eingerichtete Wohnung für einen Hausmeister und dessen Pausenraum im fiktiven Museum sind unversehrt. Die einzelnen Räume der Wohnung sind durch Wände getrennt, deren teils sichtbarer Beton an das Symbol der deutschen Teilung, die 1961 errichtete Berliner Mauer, erinnert. Auch hier ist es deutsche Geschichte, die anklingt. Das Spannungsfeld, das sich nun öffnet, ergibt sich einerseits aus dem Aspekt des Privaten, angedeutet durch die Wohnung als bürgerlichen Rückzugsraum, im Gegensatz zum öffentlichen Raum, ortsspezifisch repräsentiert durch das Museum. Die im zweiten Teil der Ausstellung thematisierte Stasi als das Private zersetzende Kraft spielt hier ebenfalls eine Rolle. Andererseits schlägt das Motiv des zerstörten Museums darüber hinaus eine Brücke zum ersten Teil der Büchel’schen Inszenierung: das fiktiv zur Shopping-Mall umgewidmete Fridericianum als latent bedrohter Ort der Kultur. 

Hier knüpft auch der vierte Teil der Ausstellung an, der als partizipativ-performativer Akt während des Eröffnungswochenendes stattfindet. Unter dem Titel „politica“ lädt Büchel zu einer Messe für politische Parteien der Bundesrepublik Deutschland ein, samt Messeständen, einem Forum für Reden und einer öffentlichkeitswirksamen Bäumchen-Pflanzaktion für Politiker auf dem Friedrichsplatz. Zu Protesten führt die Tatsache, dass  Künstler konsequent alle rechtmäßig zugelassenen Parteien der Bundesrepublik, also auch die rechtsextreme Partei NPD einbezieht. In der Konsequenz sagen mehrere Parteien ihre Teilnahme ab, darunter alle zu dieser Zeit im Bundestag vertretenen Fraktionen. Die möglichen und realen Konsequenzen der parlamentarischen Demokratie und des deutschen Mehrparteiensystems treten hier deutlich zutage. Und eine Frage drängt sich immer stärker auf: Wie sind all diese Ebenen, die Büchel hier öffnet und verknüpft, in eine logische Ordnung zu bringen? Der Gedanke einer repräsentativen Demokratie und das reale Buhlen um Wählerstimmen mit allen Mitteln. Die Dystopie einer vollständigen Umwidmung des Museums zum Zeitpunkt vermeintlich höchster kultureller Achtsamkeit. Das im Zeichen der Aufklärung gebaute Museum – in Auftrag gegeben vom feudalen Herrscher. Ein Land, dessen Volk, geteilt in zwei Hälften, wie zum Zwecke eines Experiments 40 Jahre lang voneinander isoliert unter unterschiedlichen Voraussetzungen lebt. Christoph Büchel gibt keine Antworten, weder im geschichtstheoretischen noch im abstrakt-philosophischen Sinne, schon gar nicht auf der Ebene linearer Schlussfolgerungen. Eher stellt er die Frage nach den einflussnehmenden Faktoren, denen das Handeln unterliegt und nach den Rahmenbedingungen einer Gesellschaft, deren Bedürfnisse und Werte einem steten Wandel unterliegen. 

Anlässlich der Ausstellung ist das  Künstlerbuch Korean Business Directory 1975-76  von Christoph Büchel erschienen.