DEU | ENG

Thomas Zipp (geboren in Heppenheim, 1966) gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Ausgebildet als Maler fasst er seine Einzelwerke, bestehend aus Gemälden, Skulpturen, Grafiken und installativen Arbeiten, immer zu einem Gesamtkonzept zusammen, das die Räume des Ausstellungsortes vollends einbezieht. Durch diese Arbeitsweise verleiht Zipp seinen Ausstellungskonzepten eine einzigartige, unwiederholbare Existenz.
Zipps Werke sind geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit Geschichte, Wissenschaft und Religion, mit Politik und Gesellschaft sowie mit Kunstgeschichte und Philosophie. Hierbei spielen für ihn die Einordnung des Selbst in die Gesellschaft, der Antagonismus im Sinne sich polar gegenüberstehender Widersprüche sowie die Folgen aus historischen, wissenschaftlichen und religiösen Errungenschaften und Ereignissen eine zentrale Rolle. Gut und böse, Wahrheit und Lüge, Gott und Teufel, Norm und Abweichung, Körper und Geist, Obsession, Rausch, Grenzerfahrung, Seligkeit und Sexualität geben Zipp die thematischen Anstöße. Einige von Zipp formulierte Thesen beziehen zu diesen Themen Stellung und bezeugen eine kritische Haltung:
"1. Angesichts der Existenz von Gleichgültigkeit und angepassten, begrenzten, rauschhaften Zuständen wird heute der Widerstand gegen die Unwahrheit niemanden mehr interessieren. 2. Das Gewirr der reaktionären, heliozentrischen Tendenzen, seien sie pseudofortschrittlich oder stagnativ, wird von Lethargie beherrscht; die Lethargie muss ja dominieren, denn sie ist kennzeichnendes Merkmal und Privileg des Zeitgenossen. 3. Die Impotenz der Lethargie des wissenschaftlichen Schwergewichts in allen bürgerlichen Aktionen verbannt die Euphorie ins Graue, Makabre und Statische, ins protestantisch Steife und Pessimistische, ins Neutrale oder ins verweichlicht Unentschlossene oder aber in Scheinexzesse, die jedoch streng kanalisiert werden.“ (Thomas Zipp in: Achtung! Vision: Samoa & The Family of Pills, 2005)

Thomas Zipp zählt zu den Künstlern, die in der Lage sind ein Ausstellungshaus wie die Kunsthalle Fridericianum mit einer Einzelpräsentation nicht nur zu bespielen, sondern es in seiner Gänze zu verwandeln. Unter dem Titel (WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO widmet sich Zipp in Kassel intensiv der Fragestellung nach Norm und Abweichung, sozialer Ausgrenzung sowie der Einordnung des Selbst in die Gesellschaft und verwandelt die Räume der Kunsthalle Fridericianum durch düstere Ästhetik und satirische Übertreibung in seine Vision einer „psychiatrischen Anstalt“. Mit dem Untertitel MENS SANA IN CORPORE SANO verweist Zipp auf den bekannten Zitatausschnitt des römischen Dichters Juvenal (ca. 60-140 n. Chr.), der als Satiriker bereits selbst die Zeichen seiner Zeit spitzzüngig kritisierte. Vielfache Verwendung erhielt diese ehemals viele Gebäude und Wappen zierende Idee der Zusammenführung von Geist, Gesundheit und Körper und somit die diskreditierende Gleichsetzung eines gesunden Körpers mit einem gesunden Geist im Zuge der „vaterländischen Volkserziehung“, der Entstehung und Entwicklung von „Internierungshäusern“, „Besserungsanstalten“ und „psychiatrischen Heilanstalten“ seit dem Ende des 17. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund erfährt die Kunsthalle Fridericianum eine komplette Transformation: Die großen Lettern am Portal ersetzt Thomas Zipp durch die Worte MENS SANA IN CORPORE SANO und das Foyer wird zur Eingangshalle der „Anstalt“. In den weiträumigen Hauptflügeln des Fridericianums verbindet der Künstler sein skulpturales und malerisches Werk mit umfassenden installativen Eingriffen. Durch Abdunkelung und den gleichzeitigen Einsatz grellen Neonlichts erschafft Zipp die Illusion langer Gänge, deren Türen zu sowohl zugänglichen als auch verschlossenen Räumen führen, in denen immer wieder erneut die Thematik der Ausstellung über Gemälde oder Plastiken, wie beispielsweise seine Psychonauten, aufgegriffen wird. An diese Gänge schließen sich in den jeweiligen Seitenflügeln die Großinstallationen einer Gummizelle, eines  Turngeräteraumes und eines Spiegelsaals mit konkaven und konvexen Formungen an, die das Spiegelbild stark verzerren.

Die Ausstellung (WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO verbindet einen Großteil von Thomas Zipps künstlerischen Oeuvres mit neuen Werken zu einer aufwendigen Gesamtinstallation. Die Besucher/innen werden, wie für Zipps Arbeitsweise üblich, aber in den Räumen der Kunsthalle Fridericianum im Besonderen herausgefordert, sein Werk nicht nur in seiner einzelnen Analyse, sondern ebenso assoziativ zu begreifen sowie auf sich selbst rückführend und physisch zu erfahren. Thomas Zipp versteht es, historische und geisteswissenschaftliche Entwicklungen mit der heutigen Zeit in Verbindung zu setzen und aktuell zu deuten. Indem (WHITE REFORMATION CO-OP) MENS SANA IN CORPORE SANO die Bedingungen des ältesten Museumsbau auf dem europäischen Kontinent einbezieht, erhält die Ausstellung einen einzigartigen, unwiederholbaren Charakter und interpretiert das Fridericianum auch als Haus der Aufklärung neu.


Mit freundlicher Unterstützung von