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„Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren. Der Egoismus rettet alles – absolut alles –, was wir hassen, was wir lieben. Und alles bleibt so, wie es ist. Ebendies ist der Grund, warum ich die extremen Anarchisten achte.“  
Joseph Conrad, 1899

Unfun
 ist der neueste Roman des norwegischen Schriftstellers und Künstlers Matias Faldbakken, mit dem er nach The Cocka Hola Company und Macht und Rebel seine Trilogie einer skandinavischen Misanthropie vollendet. 2010 zeigte Matias Faldbakken mit THAT DEATH OF WHICH ONE DOES NOT DIE eine sehr erfolgreiche Einzelausstellung in der Kunsthalle Fridericianum und im Dezember ist seine Publikation in der Reihe 100 Notizen – 100 Gedanken der dOCUMENTA (13) erschienen.

Mit Unfun hat Faldbakken das Bild einer Gesellschaft entworfen, in der sich Realität und Illusion vermischen, die Dichotomie von gut und böse aufgelöst wird und zivilisatorische Werte radikal verneint werden. Nihilismus, Anarchismus und Rassismus sind zentrale Themen dieses Familiendramas, mit dem der Autor scharfe Gesellschaftskritik übt.

Im Mittelpunkt der Geschehnisse stehen Lucy, afrikanisch-skandinavische Anarchistin, und ihr gewalttätiger Exmann Slaktus, solariumgebräunter Bodybuilder und von Faldbakken als „Gewaltintellektueller“ charakterisiert. Den Spitznamen Slaktus (slakt: Norwegisch für Schlachten) hat er, der eigentlich Theodor heißt, bereits in seiner Schulzeit erhalten, nachdem er in einem fachlichen Streit seinen Lehrer angriff. Auch Lucy, die als Heldin und Opfer zugleich erscheint, wurde von Slaktus physisch, sexuell und mental misshandelt. Ihre gemeinsamen Zwillingssöhne Atal und Wataman, die sich vor dem Hintergrund des von Lucy initiierten Rückzugs aus dem gesellschaftlichen System ihre Namen selbst aussuchen durften, verhalten sich hemmungslos spaßorientiert und sind der Faszination für Online-Games unterlegen. Zudem lachen sie unentwegt und dies um so lauter je aggressiver und bedrohlicher sich die sie umgebende Situation darstellt, ein Indiz auch für ihren fehlenden Anspruch an gesellschaftliche Moral.

Ein neues Projekt von Slaktus führt die einstige Familie aufs Neue zusammen: Slaktus arbeitet gemeinsam mit der Spielentwicklergruppe „Rapefruit“ an der Produktion des Online-Slasher-Games Deathbox. Das Spiel ist nicht nur an Horror- und Slasherfilme angelehnt, die ihre Blütezeit in den frühen 1980er Jahren erfahren haben, sondern vor allem stark inspiriert von Joseph Conrads Klassiker Heart of Darkness. 1899 hat Conrad die Abenteuer des Erzählers Charles Marlow im Kongo während des europäischen Kolonialismus als eine alptraumhafte Reise in das Dunkle der eigenen Existenz beschrieben. Faldbakken dreht in Unfun die Perspektive um und lässt uns durch die Augen einer Schwarzen, Lucy, auf das Ungeheure inmitten der westlichen Zivilisation blicken und wiederholt diesen perspektivischen Blick mit der afrikanischen Killerfigur Mbo, die in Deathbox in den Straßen von Paris mit einer Steinsäge ihr blutiges Unwesen treibt. Paris, als das Herz Europas, symbolisiert hier die zerfallende westliche Kultur und sich auflösende europäische Zivilisation.

Analog zu der Entwicklung des Online-Games geraten die Protagonisten in einen Sog aus Macht, Hass und Gewalt, der schließlich in einem großen Finale endet, in dem Lucy als „Final Girl“, Amok läuft. Ursprüngliche humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens wie Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit werden in Unfun umgekehrt und münden in einem derben Anti-Humanismus und moralische Instanzen in radikaler Anti-Moral.

Für die Bühnenadaption wählte der Regisseur Nils-Arne Kässens die Charaktere Lucy, Slaktus, Slaktus’ Psychiater Doktor Nicolaisen, Dan Castellaneta, die amerikanische Stimme von Homer Simpson, und Taiwo aus, welcher der Hauptfigur Mbo für die 3-D-Animation seinen Körper leiht. Lucys und Slaktus’ Söhne Atal und Wataman ergänzen das Ensemble in medialer Form. Für das Bühnenbild ließ sich Prof. Joel Baumann von dem Schauplatz des Spiels inspirieren und verwandelt vier berühmte Pariser Bauwerke in transparente Stahlskulpturen; den Eiffelturm, den Tour Montparnasse, das Centre Pompidou und Notre Dame.

Lucy, gespielt von Julia Hansen, führt wie auch die Romanfigur bei Faldbakken durch die Erzählung aus der Ich-Perspektive. Gemeinsam mit Slaktus, gespielt von Peter Grünenfelder, eröffnet sie die Geschichte, bevor die weiteren Charaktere Taiwo und Dan Castellaneta den Raum betreten. Taiwo, gespielt von Daniel Schröder, ist ein berühmter Schauspieler aus Nigeria, den Slaktus nach Norwegen eingeladen hat. Am Flughafen trifft dieser zufällig auf Dan Castellaneta, der echten amerikanischen Stimme von Homer Simpson, den Faldbakken in seinem Roman in einen Rollstuhl zwingt und als Rassisten darstellt. Ihn hat Slaktus ausgewählt, der Figur Mbo seine Stimme zu leihen. Vollendet wird die Gruppe durch Doktor Nicolaisen, Slaktus’ Psychiater, der seit Jahren vergeblich an dessen Selbstbeherrschung und Aggressionsverhalten arbeitet und im Roman das Fenster zur Normalität darstellt.

Als Kooperation zwischen der Kunsthalle Fridericianum, der Kunsthochschule Kassel und dem Staatstheater Kassel überschreitet das Projekt „Theater zwischen den Künsten“ die Grenzen der Genres. Unfun erweitert dieses Prinzip, indem es als ein Grenzgang zwischen Schauspiel, Medienkunst und Rauminstallation fungiert und zugleich die künstlerische Auseinandersetzung mit der Ausstellung JULY, IV, MDCCLXXVI von Danh Vo sucht.


Team: Regie, Musik: Nils-Arne Kässens // Bühne, Installation: Joel Baumann // Dramaturgie: Michel Volk // Es spielen: Peter Grünenfelder, Julia Hansen, Daniel Schröder // Chor: Julia Bavyka, Holger Jenss, Kati Liebert, Flaut M. Rauch, Gabriel Sahlmüller, Erik Schäfer, Ann Schomburg // Projektion Atal und Wataman: Ackim Mehari // VJ: Sebastian Haydt, Johnny Pirnay // 3D-Animation: Martin Böttger // Licht: Joel Baumann, René Rogge // Ton: Valentin Dietmar // Produktionsassistenz, Souffleuse: Kerstin Frisch


Eine Kooperation der Kunsthalle Fridericianum mit

           


Mit freundlicher Unterstützung von


Aufführungsrechte: schaefersphilippen, Theater und Medien GbR